„Manchmal gibt es eben nur Gewinner“ Martin Walker „Hotel Schräg“, Dörlemannverlag

Es ist ja doch manchmal gut, zu prokrastinieren: Weil ich das Buch „Hotel Schräg“ von Martin Walker, aus dem Schweizerischen Doerlemann Verlag nicht pünktlich zum Erscheinungsdatum hier bespreche, konnte ich entdecken, dass es tatsächlich Origami in der Kunst gibt: „R/A/U/M/Falten-Origami in der bildenden Kunst. Tomoko Fuse (Japan) und Heinz Strobl (Deutschland)“ heißt eine Ausstellung im Europäischen Künstlerhaus Oberbayern, dem Schafhof in Freising, die am 29.08. beginnt.

In Walkers Roman ist es eine junge Frau Namens Lola, (also Tulpe, wie wir lernen, von einem in diesem Buch, der viel Weltwissen aber keine Ahnung von der Welt hat), die am Anfang noch an zwei Fingern durch den Raum geschoben wird, am Ende aber unabhängig ist und erfolgreich hartes Metall zu Kamelen faltet – Origami in der Kunst also. Man könnte nun beginnen, auch alle anderen Anspielungen, Zitate, Geschichtchen und sonstigen Kunst-als-Staffagepassagen zu überprüfen und, evtl. mit Walkers sorgsam erstellter Bibliographie am Ende des Bandes, eine Aufarbeitung der Dadazeit in Zürich beginnen – aber wer will das schon, wenn endlich mal ein leichtes aber nicht dummes Unterhaltungsbuch erschienen ist und man es (fast) perfekt und wohltuend findet!

„Manchmal gibt es eben nur Gewinner“ kommentiert eine andere Figur, deren Schicksal mit dem Hotel Schräg oder auch dem „Slant House“ (die Freude des Lernens aller Wortbedeutungen und Variationen der Vokabel Slant sollte man sich dann doch machen) verbunden werden. Es ist alles ein wenig schräg, aber, wenn man an Kunst und Leben interessiert ist, sehr vertraut, was sich da ereignet. Ein wenig betrügen, ein wenig lügen, ein wenig Interesse wecken, weggehen, kommen, wieder weggehen oder hocken bleiben… Schicksale aus 4 Generationen von Menschen, die ein wenig abseits vom Mainstream versuchen, ein gutes Leben zu führen. Nebenher ein Spaziergang entlang der Höhen und Tiefen des letzten Jahrhunderts, durch die Namen von Künstlern bekommt der Leser das Gefühl der Vertrautheit; das Schicksal einer von den Nazis ermordeten Kälberreiterdadaistin fast schon die gewohnte Trauer der Bewohner unserer Region, gehört irgendwie dazu und erdet das Ganze. Alle anderen Märchen gehen gut aus in diesem Buch, und es wirkt trotzdem nicht dumm, man möchte es glauben, dass es in der Welt noch gut zugeht. Ein Paar kommt in ein abgelegenes Hotel, es werden Photos gemacht und als Relikte eines Künstlers behauptet, die unsymphatischte Figur des Bandes wird betrogen, was ihr aber nutzt, am Ende sind alle ein Stück weiter und glücklich (oder wenigstens in der gleichen schrägen Warteschleife, mit neuer Perspektive).

„Hotel Schräg“ macht einfach Spaß. Es kann einfach so gelesen werden, ohne dass man, gebeutelt vom realen Leben, fürchten muß, dass irgend ein Grauen einbricht, zumindest kommt man weit durch, bevor das, ein Lapsus, doch noch passiert. Es ist ja heutigentags fast eine Schande, wenn man Freude an der Literatur haben will. Hier kann man sich das mal gönnen. Eine nette Geschichte, sehr schön geschrieben und es stimmt einfach alles – bis auf die Geschichte mit den Kryptoveganern, die man  sich gerne erspart hätte, weil das Thema zu sehr betroffen macht. Das  hätte nicht sein müssen, bleibt wie eine nicht mehr zu glättende Origamifalte zurück, aber aus Papier, nicht Metall. Also… ich möchte Hotel Schräg unbedingt empfehlen, für den Sommer und überhaupt.

 

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