Schweizer Comic -finally: rittiner+gomez „Polenta“

Immer wenn man auf die website von rittiner+gomez guckt, die ja auch eifrig twittern, gibt es irgendwas Neues. Für meine kleine Schweizer Comic Serie, die ich nun endlich abschließen möchte, habe ich eine ältere Publikation ausgesucht: „Polenta“ http://www.rittiner-gomez.ch/comic-polenta/ . Ich will gleich bekennen, dass ich das Heft wunderschön finde, obgleich ich noch nie in Simplon – Dorf im Wallis war und große Töpfe mit Fleischbrühe und Polenta mir eher schrecklich erscheinen, finde ich die eigenartige Stimmung des mit wenigen Sätzen auskommenden Buches sehr berührend; daneben gibt es auch noch eine autoreflexive Ebene, die die Herstellung einer solchen Stimmung aus Wort, Bild und den Komponenten „Köche, Wölfe, Dohlen, Gugenmusik und Gäste“ erklärt, die das Herz jedes Literaturwissenschaftlers höher schlagen lassen. Autobiographie und Fiktion sind hier schon in der Person des Künstlers kunstvoll verwoben: Das fiktionale Zeichnerduo rittiner&gomez lebt in Spiez am Thuner See und ist im Grunde nur eine Person: Anton Rittiner, der, um malen zu können, sich aber ein alter ego, eben Gomez, erfunden und zugleich wieder durch ein „&“ zum „Wir“ verbunden hat. Somit ist Simplon -Dorf nun der Heimatort beider. Sie bewohnen die Schweiz, doch zugleich die imaginäre „Isla Volante“, einen Ort des Friedens und der Kunst, situiert im Internet und ausgestattet mit einem eigenen Literaturpreis, zahlreichen Mitmachmöglichkeiten für Leser usw. – bitte dort selbst gucken http://www.rittiner-gomez.ch/rittiner-gomez/ .

In „Polenta“ nun also genügen wenige Worte und die offenbar die für r+g typischen, verschachtelten und einander ebenso ergänzende wie aufhebende Bilder, um eine fast fühlbar reale Wiedergabe eines dörflichen Festes und die Gefühle des malenden und textenden Ichs zu vermitteln, obwohl dieses sich selbst nicht benennt und auch nicht bildlich hervorhebt. Eine fast mystische Stimmung wird bewußt hergestellt, wie im „Vorspann“ des „Projektes“ angekündigt: „ein bergdorf in einer wilden landschaft, ein kulturelles ereignis, die leichtigkeit des fliegens und die geheimnisvollen wölfe, also alles, was man sich nur wünschen kann“ – der Stoff, aus dem große Erzählungen sind. Das man die Authentizität des Erlebenden für ebenso real halten kann wie den zur Schau gestellten Kunstgriff, diese Fähigkeit zu Erleben und Darstellen in einer (oder doch zwei?) Zeichner- und Texterpersonen vereint, ist eine große Freude, an der ich dank twitter immer wieder teilnehmen kann – siehe @rittinergomez .

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Schweizer Comics – Kati Rickenbach

Wegen meines Urlaubs mußte ich meine kleine Serie zu den Schweizer Comics mit autobiographischen Hintergründen unterbrechen. Der Essay ist längst abgegeben – leider läßt die Publikation weiter auf sich warten. Hier also die vorletzte Folge!

Sehr bekannt ist inzwischen der dicke Band „Jetzt kommt später“ von Kati Rickenbach, Edition Moderne Zürich 2011 http://www.editionmoderne.ch/autoren.php?vi=68&va=29. Die 1980 in Basel geborene Comickünstlerin ist Mitherausgeberin des Schweizer Comicmagazins „Strapazin“ http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=strapazin%20magazin&source=web&cd=1&cad=rja&ved=0CCMQFjAA&url=http%3A%2F%2Fwww.strapazin.de%2F&ei=mD5PUP-xL8XdtAahlYCQBA&usg=AFQjCNED-irtO8pNYFHP9cWQJl7BSJzEag  und lebt seit 2005 in Zürich. In dem zu besprechenden Buch beschreibt und erzeichnet Rickenbach ihre beiden Aufenthalte in Hamburg, 2004 und 2009, die Veränderungen in den Beziehungen, Zielen und Lebensweisen der Autorin und ihrer Freunde. Ab und an wird die Kati des Buches als „die Schweizerin“ oder sogar als die „schöne Schweizerin“ bezeichnet, außer diesen Ettiketierungen von Außen kommt die Schweiz nicht vor.

Interessant fand ich diesen Band besonders in Bezug auf die Theorie der Autobiographie. Autobiographie findet statt an der Schnittstelle zwischen Realität des Lebens einer Person und dem Bild, das sie sich von sich selbst macht. Das erzählende und das erzählte Ich fallen ineins. Das Postulat der Aufrichtigkeit und der Authentizität, das im Allgemeinen an Autobiographik herangetragen wird, gerät so häufig in Konflikt mit dem Bedürfnis der Erzählenden, sich auf eine bestimmt Weise zu präsentieren. Im Falle der Autobiographischen Comics kommen weitere, zeichnerische Möglichkeiten des Variierens, Vertuschens, aber auch des Offenbarens und Exponierens hinzu.

„Das muß alles echt sein!“ fordert die gezeichnete Kati gleich auf Seite 17 des Buches und reflektiert in einer witzigen Bildfolge die Optionen der Veränderung und des gezeichneten Lügens und lehnt sie zugleich ab, überzeugt auch ihren Lebensgefährten davon, dass „sowas“ nicht geht. In lebensvollen schwarz-weiß Zeichnungen werden uns also mehr Wahrheit als Dichtung vorgestellt, im Anhang des Bandes kann man erwähnte Arbeiten und Photos der Autorin sehen, Belege der Authentizität des sehr guten Comics. Ich bin gespannt, was als nächstes von Rickenbach kommen wird! Ihre witzige website: www.katirickenbach.ch

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Heini Andermatt – Maler und Comiczeichner aus Zürich

Richtig schwierig erscheint mir, über Heini Andermatts http://www.heiniandermatt.ch/452.html „Tagebuchcomics“ zu schreiben, obwohl oder weil sie mir gut gefallen. Ich habe Andermatt im Internet gefunden auf der Suche nach autobiographischen Schweizer Comics… Ich lese, dass er seine Arbeiten im „Züritipp“ und bei „Strapazin“ veröffentlicht hat (und im Selbstverlag), leider kenne ich diese Zeitungs- und Magazinpublikationen nicht. Ich mag gar nicht daran denken, dass nun jemand erwarten könnte, dass ich „Comic“ definiere oder irgendwelche Normen setze!

Es sind ganz eigene Bildgeschichten http://www.heiniandermatt.ch/494.html, sehr kunstvoll gezeichnet, nicht immer sind die Personen erkennbar oder wiedererkennbar. Andermatt arbeitet (mit Ausnahmen http://www.heiniandermatt.ch/494.html die Schweizer „Muräne“) nicht mit Sprechblasen und fortlaufender Handlung, die Ereignisse verschiedener Tage bündeln sich unter dem entsprechenden Datum. Eigentlich kommen mir manche Bilder wie gemalte Haikus vor, es sind eigenartige Aussagen, festgehaltene Augenblicke ohne epischen Anspruch. Zeitblüten.

Das Schweizerische? Andermatt kommt aus Luzern, er lebt in Zürich. In seinen Texten, die seine Comics (er nennt sie so, also tue ich das auch) begleiten, kommen Worte vor wie „Zmorgen“ – „schöns Tägli no“…. Eindeutig Schweizerisch, eindeutig Comics!

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Schweizer Kühe – Exkurs zu Schweizer Comics

Gemeinhin stellt man sich die Schweizer Kuh wie Simmentaler Fleckvieh vor. Als ich im Frühling in Luzern und Zürich war, sah und photographierte ich nur schottische Hochlandrinder. Die kulturelle Enthropie macht also vor der Schweiz nicht halt, zum Glück! Hier eine Buchbesprechung von mir zum Thema Schweizer Kuh!

 

Markus Schürpf: http://www.limmatverlag.ch/foto/zeller/zeller.viehfotograf.htm             Arthur Zeller (1881 – 1931), Vieh- und Wanderfotograf im Simmental. Fotografien 1900 – 1930, Limmat Verlag Zürich 2008, 128 Seiten, 97 Duplexfotografien, gebunden. ISBN 978-3-85791-554-3, CHF 48,00 /  29,50 €.

Die unmittelbare Wucht der glasklaren Schwarz/Weiß – Fotografien vom Anfang des 20. Jahrhunderts in diesem Band überwältigt den Betrachter. Menschen und Tiere, einzeln oder in Gruppen aufgenommen, erscheinen gleichermaßen dem Leben und den vorgegebenen Rollen der bäuerlichen Alpenwelt ausgesetzt. Sie sind aufgenommen vor natürlichem Hintergrund oder, besonders faszinierend, hinarrangiert vor einem gemalten Landschaftsbild, wie man es aus der frühen Atelierfotografie kennt, doch so aufgenommen, dass um dieses noch eine Art Rahmen aus der realen ländlichen Umgebung zu sehen ist: bäuerliche Gebäude oder Alpenlandschaft. Jeder Mensch hält einen Gegenstand in der Hand, ähnlich dem Attribut einer Heiligenfigur. Hochzeitsgesellschaften mit immer entsetzt und erstarrt blickenden Paaren und nur selten verhalten lächelnden Gästen irritieren den Betrachter fast mehr als das Grauen eines toten Kindes, im Sarg fotografiert. Das Vieh ist so aufgestellt, dass die zuchtrelevanten Merkmale gut erkannt und verglichen werden können. Fotografien einzelner Tiere lassen deren Wert und den Stolz der Eigentümer ahnen. Aber auch freundlichere Bilder sind zu sehen: Bauern, junge Frauen mit ihren Kindern, Käsereiarbeiter, Viehschauen und erste Eisenbahn- und Automobilereignisse sind so abgebildet, dass sie mit Bedeutsamkeit beladen scheinen, und dennoch die Leichtigkeit der leicht humorigen Selbstdarstellung in vertrauter Umgebung erkennen lassen.

Als kunsthistorische Assoziationen drängen sich auf: Paulus Potter, der Niederländer des 17. Jahrhunderts, der als erster Maler Rinder nicht mehr als Staffage, sondern als Hauptmotiv seiner Ölgemälde darstellte, und Landschaft und Raum von den Tieren ausgehend entwickelte. Die Welt von der Kuh aus gesehen! Die Qualität der Bilder Arthur Zellers lässt aber auch einen Vergleich mit dem großen August Sander zu, dem Fotografen bäuerlicher Realität in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der mit großer Kunst das Ungekünstelte festhielt, außerhalb der Ateliers.

Es handelt sich bei dem hier zu besprechenden Fotoband um eine Auswahl aus dem etwa 5000 Glasplatten umfassenden Nachlass des Vieh- Dorf- und Wanderfotografen Arthur Zeller (1881 – 1931) aus Boltigen im Simmental / Berner Oberland. Der Geige spielende Sohn eines wohlhabenden Landwirts war fasziniert von der frühen Fotografie und hatte sich autodidaktisch zum Fotografen ausgebildet. Als Züchter und Kenner des Simmentaler Fleckviehs und des neuen Mediums Fotografie – eine einmalige Kombination – wusste Zeller die wichtigsten Merkmale dieser damals reüssierenden Rinderrasse unter ästhetischen und ökonomischen Aspekten gleichermaßen ins rechte Licht zu rücken; auch seinen Aufnahmen ist es zu danken, dass diese Nutztiere international bekannt wurden und es zu Massenexporten nach Ungarn, Russland, Südwestafrika und Südamerika kam. Nach und nach erweiterte Zeller seine fotografische Tätigkeit auf Personen und Ereignisse der Simmentaler Heimat, wurde als vertrauenswürdiger Einheimischer und preiswerter Fotograf zu Aufnahmen gebeten. In späteren Jahren machten seine Einnahmen als Fotograf einen erheblichen Anteil seines nicht geringen Einkommens aus. Mit ganz eigenem ästhetischen Zugang zur Lebenswelt  der Viehzuchtregion des Simmentals wurden Zellers Arbeiten zur historischen Quelle der agrarischen Schweiz. Die Spielregeln der Atelierfotografie und Viehmalerei hat er dabei – bewusst oder unbewusst? – in seinen Bildern mitreflektiert.

Der vom Fotohistoriker Markus Schürpf im Limmat Verlag herausgegebene Band begleitete eine Ausstellung zum Werk Zellers im Museum der Alten Landschaft Niedersimmental im Agensteinhaus Erlenbach. Er ist – mit dem Schwerpunkt auf dem Leben Zellers, der Viehzucht und dem Leben im Simmental  und der heimatgeschichtlichen Bedeutung seiner Tätigkeit -sehr gut betextet und liebevoll ausgestattet. Die Möglichkeit einer anderen, primär kunsthistorischen Rezeption macht einen zusätzlichen Wert des erstaunlichen Bandes aus und eröffnet vielleicht neue Ansätze zur ästhetischen Würdigung des Werkes von Arthur Zeller.

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Schweizer Comic-Autobiographien? Frederik Peeters „Blaue Pillen“

Nicht jeder Schweizer Comic macht es einem so leicht wie Coseys „PP“. Was also macht einen Schweizerischen Comic aus? Sollte die Herkunft des Autors damit zu tun haben, wenn nicht direkt die Schweiz vorkommt? Eine Schnittstelle von Herkunft und Handel, auch beruflichem und also zeichnerischem, sollte die Autobiographie sein – aber findet man in jeder Autobiographie Hinweise auf das Land, aus dem jemand kommt? Offenbar nicht notwendig.

Allenthalben wird Frederik Peeters „Blaue Pillen“ http://www.reprodukt.com/product_info.php?products_id=222 als Beispiel angeführt, wenn es um Comic-Autobiographien geht; in mehreren Veranstaltungen beim Comicsalon hörte ich diesen Band und seine offene, persönliche Art loben. Die Schweiz kommt in diesem 190 Seiten dicken Comic des am 14. Juli 1974 in Genf geborenen Autors weder direkt noch indirekt vor – Peeters hat(te) andere Sorgen und zum Glück auch Freuden: Er beschreibt seine glückliche Beziehung zu einer HIV infizierten Frau und deren Kind und die speziellen Probleme, die die Infektion mit sich bringt. Keiner konnte mir bislang erzählen, wie es mit der kleinen Familie weiterging, gesundheitlich vor allem. Ich wünsche alles Gute! Sehr gut gefiel mir, wie die sehr einfach gezeichneten Bilder dennoch sehr viel Gefühl rüberbringen; die Gesichter strahlen Sorge, aber viel öfter noch eine sehr ruhige Stimmung von Glück aus, bei der enormen Bedrohung durch Krankheit ein kleines, wenn nicht ein großes Wunder, das sich in diesem Buch mitteilt. Ein „konzentriertes Leben“ wie der Fred des Buches einmal sagt. Sehr intim und offen werden Sorgen und Denkweisen untersucht und auf eine dem Alltag adäquate Wertigkeit heruntergeholt: keine Panik, keine Gleichgültigkeit, nur das Leben jeden Tag, aus dem eine innere Ruhe und Zufriedenheit  hervorgeht, die man an den Zeichnungen nachvollziehen kann und die nüchtern und zugleich zauberhaft erscheint. Ein Mutmachbuch, eine wunderbare Liebesgeschichte, schön!  Werde ich bei den „Schweizern“ mitbesprechen, obwohl es universellen Inhalts ist.

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Schweizer Comics – Cosey: Auf der Suche nach Peter Pan

Was für ein Glück, das ist nun mit Recht Schweizerisch zu nennen: Bei Cross Cult erschien 2009 der sehr, sehr gut gemachte Band „Auf der Suche nach Peter Pan“ des Schweizerischen Zeichners und Szenaristen Cosey, eigentlich Bernhard Cosandey http://www.cross-cult.de/graphic-novel-titeldetails/items/comic-auf-d-suche-nach-peter-pan.html. Es handelt sich um einen Sammelband der in Fortsetzungen und französischer Sprache ab 1983  in Tintin erschienenen Geschichte, die sehr spannend ist und stimmungsvoll gezeichnet, und die 1988 den Max&Moritz Preis erhielt. Der Autor ist vor allem durch seine „Jonathan“ Serie bekannt, die Teilweise in Tibet situiert ist und die Unterdrückung und den Freiheitskampf der Tibeter am Rande der Abenteuer des Titelhelden mitthematisiert (Ich hoffe immer, dass irgendein Verlag sich erbarmt und alle Bände gesammelt neu herausgibt, möglichst noch zu Lebzeiten des 1950 geborenen Autors und seiner gleichaltrigen oder nur wenig jüngeren Leser wie mich, damit man noch was davon hat…).

Der unter Redaktioneller Mitarbeit von Volker Hamann entstandene Band „…Peter Pan“ enthält Informationen über den Zeichner-Werdegang des Autors und ein Stückchen Comicgeschichte; außerdem ein Making of des Bandes mit Hinweisen auf die Editionsgeschichte inclusive der Zensur harmlos erotischer Stellen sowie ein Interview mit dem Autor. Dieser Anhang ist ein wunderbares Sahnehäubchen auf dem ohnehin herrlichen Band!

Tatsächlich lebt Cosey, wenn ich es recht verstehe, bis heute selbst in den Schweizer Bergen, was auch dieses YouTube Video, leider nur in französicher Sprache, mitteilt: http://youtu.be/VFD9Io3FFAY Ein Schweizer also, in den Schweizer Bergen lebend, der eine Geschichte in der Schweiz spielen läßt. Überdies ist ein einleitendes Kapitel über das Wallis vorangestellt, illustriert mit Photos und Coseys gezeichneten und colorierten Studien zur Landbevölkerung und ihrer Tracht. Der Autor dieser Einführung, der mir nicht näher bekannte André Guex, beschreibt gesellschaftliche Veränderungen im Wallis, von der bäuerlichen Selbstversorgung zur Energie- und Tourismuslandschaft. Neben der Naturzerstörung wird auch eine kulturelle Verarmung angesprochen, an die man sonst nicht denkt:  „Gemeinschaftliches Leben. Und gemeinschaftliche Sprache. Bei der Arbeit wurde geredet. Eine Kultur des Wortes, heute durch Motoren zum Schweigen gebracht. Motorfräsen und Traktorenisolieren die Bauern so wie Autos die Stadtbewohner. Lärm und Blech trennen die Menschen, die der technische Fortschritt einander näher zu bringen vorgab. Radio und Fernsehen erledigen den Rest.“ – Seite 6.  Es wird jedoch nichts beschönigt, die hohe Kindersterblichkeit der Jahre 1915 – 1925 wird ebensowenig verleugnet wie das starke Arm/Reich Gefälle: „Man lebte also unter dem Zeichen der Solidarität, jedoch nicht unter dem der Gleichheit und Brüderlichkeit.“ – ebd.

In die Geschichte, welche S. 11 nun endlich beginnt,  findet die Landschaft des Wallis als stimmungs- und handlungsrahmengebende Folie eingang; darüber hinaus wird die Geschichte der ärmeren Bevölkerung durch die erzählte historische Gestalt des Farinet, eine Art Robin Hood, präsentiert.

Der plott der Geschichte ist einfach, aber sehr gut strukturiert aufgebaut. Nach einem medias in res Eingang, welche zwei der drei Hauptfiguren, den englischen Schriftsteller Melvin Woodworth und den sympathischen Gauner Baptistin erstmals verschwörerisch zusammenbringt, wird allmählich Melvins und seiner Familie Vorgeschichte nachgeholt – auf den Spuren seines verstorbenen Bruders kommt er in das Walliser Dorf, entdeckt eine Wahrheit, die anders ist als seine Vermutungen, mit welcher er aber schnell zurechtkommt, ebenso wie mit der Tatsache der ständigen Bedrohung durch einen knarrenden, rutschenden Gletscher, der zu Evakuierung des Dorfes führt: „Ein Gletscher, präzise wie ein Uhrwerk Typ Schweizerisch vielleicht.“ Die spannende Geschichte, die bald auch eine Liebesgeschichte zwischen Melvin und der Tochter Baptistins wird, soll hier nicht nacherzählt werden. Ein Schweinchen kommt vor, tölpelhafte Gendarmen, ein Klavier und – der ungeschriebene Roman des Helden, welcher den Titel „Auf der Suche nach Peter Pan“  bekommen wird und durch Moti über den einzelnen Kapiteln und durch den Bezug auf Melvins verschollenen Bruder eine zarte Beziehung zu Barries „Peter Pan“ aufscheinen läßt. Der Epilog des ganzen ist sehr süßlich geraten, was auch im Autorengespräch am Ende thematisiert wird. Im Grunde hat jedoch der ganze Band einen märchenhaften Grundzug, der die Qualität des Gesamtkunstwerkes angenehm kennzeichnet und durch das bunte happy ending nur noch betont wird.

Ich habe diesen Sammelband sehr gern mehrmals gelesen und kann ihn sehr weiterempfehlen, für Erwachsene und auch ältere Kinder, vielleicht ab 10 oder 12.  Was die Tauglichkeit für meine Arbeit an dem „Schweizer“ Essay anbelangt, so kann am Schweizertum hier kein Zweifel sein, eine Art Heimatroman ohne Mief, und durch den Englisch-Kroatischen Hauptdarsteller mit angenehmem Bezug auf den Rest der Welt.

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Schweizer Comics – eine kleine Arbeits-, Lesens-, Freuens- und Leidensgeschichte

Schweizer Kühe sind heute Schotten - kulturelle Entropie muß es auch im Comic geben!Schon vor längerer Zeit wurde beschlossen, eine Ausgabe einer bestimmten Schweizerischen Kulturzeitung mit dem Thema Graphic Novel zu füllen. Die erste von mehreren Enttäuschungen in dem Zusammenhang – die fortdauerndste solche ist die, dass das Heft immer weiter aufgeschoben wird – war die Bedingung, es dürfe nur über Schweizerische Comics geschrieben werden. Schweizerische Comics??? Für Deutsche ist so ein Nicht-Cosmopolitischer Ansatz heutigentags zum Glück unverständlich, ja anrüchig. Aber es ist wie es ist.

Von Außen gesehen ist die Schweiz insbesondere deshalb ein merkwürdiges Land, weil seine Bürger allenthalben darauf bestehen, dass es merkwürdig und besonders ist. Der Auftrag, ausschließlich über Schweizer Comics zu schreiben, wurde von mir zunächst unter dieser Schrulligkeit subsumiert und in meinem Hirn unter „immerhin“ abgespeichert. Immerhin hat angeblich ein Schweizer, Rodolphe Töpfer http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=rodolphe%20t%C3%B6pfer&source=web&cd=2&ved=0CGMQFjAB&url=http%3A%2F%2Fde.wikipedia.org%2Fwiki%2FRodolphe_T%25C3%25B6pffer&ei=oIMfULyZIYPZtAaI7YDgAQ&usg=AFQjCNH9s-iLbtRoJ1O75VgRGADriaipfA, den Comic erfunden, na ja, das kann man auch anders sehen. Nun gut, ein Schweizer hat den Comic erfunden. Außerdem ist es bekannt, dass es in der Schweiz Berge gibt. Ist die herausragende Eigenschaft des Schweizerischen Comics also in der Staatsangehörigkeit des Zeichners begründet oder im Vorkommen der Bergwelt auf den Bildern? Weiß-Roter Kreuze? Alphörner? Fränkli und Nummernkonten? Müssen Schweizerische Nationalität des Texters und Zeichners zusammenkommen und ergibt das dann einen gezeichneten Heimatroman, der Abscheu hervorrufen muß, weil er einer ist? Gibt es sonst irgendwelche genuin Schweizerische Inhalte und, herrje, welche?

Mit Grausen entdeckte ich einen Wilhelm Tell Comic, den ich lieber nicht lesen möchte, erschreckende Gesichter, hard core. Das kann es nicht sein. Dann aber: Das Ideal einer graphic novel, spannend, schön gezeichnet, situiert im Wallis und sogar mir Landeskunde zur Einführung, Schweizerischer Zeichner – ein Anfang ist gemacht.

In den nächsten Tagen beschreibe ich hier ganz oberflächlich plaudernd meine Erfahrungen mit

Cosey – „Auf der Suche nach Peter Pan“; Rittinier + Gomez „Polenta“; Frederic Peeters „Blaue Pillen“; Kati Rickenbach „Jetzt kommt später“ und den kunstvollen Tagebuchcomics von Heini Andermatt. Freue mich über Anmerkungen, sie müssen nicht unbedingt  Schweizerisch sein…

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Felix Pestemer „Der Staub der Ahnen“

Eine der schönsten Entdeckungen auf dem vergangenen ComicSalon ist die graphic novel „Der Staub der Ahnen“ von Felix Pestemer.

Allerlei Informatives könnt Ihr hier, beim avant -Verlag, erfahren: http://www.avant-verlag.de/comic/der_staub_der_ahnen ,und auf der website von Pestemer bzw. dessen Firma Puttbill  findet man Einblick in „Polvo – der Tag der Toten“, einem Vorläuferprojekt http://www.puttbill.com/de/buecher/polvo.html , welches das Ergebnis eines einjährigen Vorschungsaufenthaltes in Mexico war.

Unter den tausenden von kunstvoll gezeichneten und kollorierten Details, die man auf den Bildern entdecken kann, erstaunten mich vor allem folgende vier Inhalte des Buches:

1) die Welt der Toten, die bunt auf schwarzem Grund gezeichnet ist, wirkt anheimelnd und sympathisch, während das Familienleben der Rojas eher das Gefühl von Horror und Grausen auslöst – allzugut kann ich den Erzähler, den gutmütigen und naiven Eusebio verstehen, der gleich wieder abreisen muß und diesen unsympathischen, mit harten gesichtern starrenden Menschen seine Gefühle nur per Brief mitteilen kann. Der Tod nämlich ist kein Gerippe, er ist ein kleines Mädchen, das seine Schwester ermordet, als Erwachsene dann ihren Sohn in eine Zwangsehe mit einer Frau treibt, dabei mehrere Menschen, einschließlich Eusebio, unglücklich macht und ein frühes Ende finden läßt, später dann ihrem eigenen Ehemann so zusetzt, dass er einem Herzinfarkt erliegt. Der Tod ist eine Frau, deren bissiges Gesicht wesentlich abstoßender aussieht als der Schädel, den man unter ihrer Haut ahnen kann und dessen Anblick im Jenseits eher versöhnlich stimmt.

2) Ein genialer Coup Pestemers ist m. E. die Diskrepanz der freundlichen, unschuldigen Erzählweise Eusebios gegenüber der in den monochromen Bildern gezeichneten Realität. Die Familienmythen und der Versuch, das Leben zu ertragen, indem man es sich zurechterzählt, werden für den Leser auf manchmal lustige Weise (z. B. in der Erzählung des Familienhelden El Negro), manchmal auch erschreckend (in der Geschichte von Angeles…) sichtbar. Der Wissensvorsprung des Lesers bzw. Bilderbetrachters ist enorm und macht einen Großteil des Lesevergnügens aus. Für historisch und kunstgeschichtlich Interessierte hat Pestemer zudem noch Bilder und Szenen versteckt, deren Wiedererkennenswert enorm ist.

3) Noch länger beschäftigen werden mich die im Buch vorkommenden Masken. Sie sind wunderbar gezeichnet, nicht nur innerhalb der Totenerzählung oder am Rande des Festes; Seite 39 sind sie zart weiß auf schwarz dargestellt, wie Quallen in der Zeit, Seite 50 wirbeln sie bunt durcheinander wie Möglichkeiten, die auch im Jenseits noch bereit stehen, Veränderungen, Maskeraden und Utopien zu ermöglichen. Ein Pferdekopf erinnert an Goya, alles wimmelt ein wenig wie bei Bosch, Masken verschiedener Ethnien von den Atzteken bis zum Schweizer Bergvolk treten uns entgegen. Wer ist verkleideter, die Totenschädel, die Maskenträger, die Menschen in der Alltagswelt? Gibt es eine Existenzform ohne (sprachliche) Masken? Offenbar auch bei den Toten nicht, die aber wenigstens im bewußten Spiel damit umgehen.

4) Unter den (auch anatomisch) durchgearbeiteten Bildern Pestemers sind die Grau auf Schwarz gezeichneten Frontispizbilder nicht zu vergessen; die Gesamtaufmachung des Buches ist zu loben. Kunstvoll und beeindruckend gut gezeichnet zerfallen schließlich auch die Toten zu Staub. Eine graphic novel, die man so schnell nicht vergißt!

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Jeff Chi – (Web-) Comiczeichner aus Erlangen

Noch bis zum 15. Juli 2012 kann man im Erlanger Kunstmuseum, neben dem Einkaufzentrum „Arcaden“, die Ausstellung „CCC – Cartoon, Caricature und Comic“ sehen, die im Rahmen des 15. Internationalen Comicsalons dort eingerichtet wurde. Im großen Saal des Museums ist eine kleine, aber beeindruckende Retrospektive des Zeichners David B., insbesondere mit Bildern seiner Arbeiten zu „Die heilige Krankheit“ zu sehen. Man sollte sich dafür viel Zeit nehmen oder mehrmals wiederkommen – obwohl ich schon zuvor Comics von David B. kannte, mußte ich mich doch erst an die Schrecken gewöhnen, die man da zu sehen bekommt. Ähnlich wie bei Goya oder Francis Bacon – ich denke, der Vergleich ist zulässig – entdeckt man mit der Zeit, wie die Darstellung des Schrecklichen eine heilende Wirkung entfalten kann, wenn man sich darauf einläßt. Der Rest der Ausstellung ist mit überwiegend pointiert witzigen Karikaturen und durchaus auch sozialkritisch-politischen Comics beschickt. Eine Entdeckung war für mich der Erlanger Comiczeichner Jeff Chi, der mit zwei Exponaten aus seiner Serie „Leute, die ich nicht kenne“ und einer weiteren Druckgraphik vertreten ist und den ich hier in einem kleinen Interview vorstellen möchte. 

lesbarkeit: Bei der Vernissage wurde erzählt, dass Du Dich selbst bei dem Kurator, Dr. Sandweg, gemeldet hast, um in die Ausstellung zu kommen, das finde ich cool! Wie lief das ab?

jeff chi: Ich hab´gesehen, daß es aus Anlaß des Comic Salons eine Ausstellung mit dem Arbeitstitel „Comiczeichner der Region“ geben sollte, und ich dachte mir, okay: aus der Region, ich wohne jetzt ja auch hier,  warum sollte ich da nicht einfach mal anfragen? Ich bin ja nun erst seit einem knappen Jahr hier in Erlangen und wollte mich hier ein wenig einbinden, hier ankommen, einfach sagen: mich gibt es auch hier! Ich habe hingeschrieben und so hat das dann seinen Lauf genommen.

lesbarkeit: Wieso bist du ausgerechnet nach Erlangen gekommen? Nicht wegen des Comic Salons?

jeff chi: Nein, meine Freundin studiert hier Buchwissenschaften, ein Fach, dass es in Deutschland nicht oft gibt und das hier sehr gut ist. Ich habe mich entschlossen, dass ich mit ihr hier leben möchte. Obwohl ich auch hätte studieren können, mache ich hier nun erst Mal eine Ausbildung als Mediengestalter, Design und so… Studieren kann ich, wenn ich das möchte, ja immer noch und hätte dann mit der Berufsausbildung sogar noch bessere Voraussetzungen als nur mit Abitur. Ich bin nicht so der Typ, der Karrierepläne macht. Es klingt ja so nach Klischee, aber es ist wirklich so: Die meisten deutschen Comiczeichner machen auf Design und Illustration als Beruf und versuchen, nebenbei was mit den Comics zu erreichen.

lesbarkeit: Wie bist du auf Comics gekommen? Wann hast Du Deinen ersten Strip gezeichnet? Warum dieses Medium?

jeff chi: Ja, das kam so: Ich habe schon als Kind immer gern gezeichnet. Als Kind vergleicht man sich ja dauernd: Was kann ich und was können die anderen so? Und mein Talent war eben klar beim Zeichnen. Später habe ich mich dann für den Kunst-Leistungskurs entschieden, bin also immer mehr in diese Richtung gegangen, wußte irgendwie immer genauer, dass ich so ein künstlerischer Typ bin. Zum Comic selbst- na ja, ich habe schon als Kind gerne Comics gelesen, aber alle Kinder tun das, oder? Daran kann es nicht liegen. Konkret ist Folgendes passiert: Ein Mitschüler hat einen Cartoonband in die Schule mitgebracht von Joscha Sauer, das ist diese „Nicht-Lustig“ Reihe! Das fanden wir alle total witzig, und ich habe im Comicladen geschaut, was es da sonst noch gibt. Und irgendwie, ich weiß nicht mehr wie genau, bin ich dann auf Flixx und seinen Blog mit „Heldentage“ gekommen. Das hat mir total imponiert was er da gemacht hat, aber es war noch nicht der Punkt, wo ich das auch machen wollte – doch auf dem Rand dieser Seite waren links zu anderen Comicblogs, und so habe ich Zwarwald entdeckt – der ja in diesem Jahr auch den Lebensfensterpreis bekommen hat auf dem Comicsalon. Und Zwarwald fand ich dann total super – zuerst schon mal der ganz krakelige Zeichenstil, ohne jeden Anspruch, realistisch zu sein oder möglichst gut auszusehen… dieser ganz eigene Stil, nur Flächen und Linien… Der Flixx zum Beispiel hat ja immer dieses Viererpanel, aus dem er dann je etwas Ganzes macht. Aber Zwarwald hat eben auch abwegige Ideen, er stellt einfach dar, was er z. B. geträumt oder erlebt hat, ohne Pointe und tiefere Bedeutung… einfach so, krakelig und direkt – und ich dachte mir, das kann ich vielleicht auch machen, und so ist es jetzt.

lesbarkeit: Dein blog heißt „Spinken und Turmina“ – was bedeutet das ?

 jeff chi: Vor ein paar Jahren, ich war so ungefähr 15, gab es an unserer Schule eine Wandschmiererei,  eine Art Buchstabensalat, nur: „Spinken und Turmina“ http://www.spinken.net/ stand da, und wir waren fasziniert von diesen Wörtern, deren Bedeutung keiner kannte. Als ich dann mit dem Comicblog begann, habe ich ihn – sozusagen als Insiderwitz – „Spinken und Turmina“ genannt. Inzwischen dachte ich mir schon oft, dass es ein alberner Name ist, aber er hat sich so etabliert und nun kann und will ich das nicht mehr ändern. Es sind keine Personen, die bei mir vorkommen oder so – vielleicht mache ich das aber irgendwann, vielleicht habe ich mal Lust, und dann erfinde ich vielleicht Personen dieses Namens.

lesbarkeit: Sind es wirklich autobiographische Geschichten, oder erfindest du da viel?

jeff chi: Doch, das ist autobiographisch. Ich mache den Comic so, wie ich es erlebt habe, und wenn manchmal etwas überspitzt ist, dann zeichne ich es so, dass man das merkt und setze verschiedene Stilmittel ein, um zu zeigen: das ist jetzt erfunden.

lesbarkeit:  Die Strips in Deinem Blog sind ja unterschiedlich gezeichnet: Manche sind „nur“ schwarz weiß und krakelig, aber andere – ich muß gestehen, die gefallen mir besser – sind farbig und sehr sorgfälltig gezeichnet. Eine Besonderheit fällt mir bei Dir auf, die mich sehr beeindruckt: manchmal treten die Farbflächen über die Konturen hinaus, es ist als ob die Farbe aus dem Bild heraustritt und die Person dadurch undeutlich wird, zugleich erscheint mir, wird das Innenleben oder eine innere Bewegung der Figur deutlich… Spannende Sache!

jeff chi: Ah ja, vielleicht weiß ich ,was Du meinst – interessant, aber ich denke, das mache ich eher unbewußt… Unterschiedlich sind meine Comics aus verschiedenen Gründen. Zum einen habe ich ja den Anspruch, das täglich zu machen – aber manchmal hat man wenig Zeit, und dann habe ich aber z. B. bei einer Bahnfahrt eine Idee, und dann zeichne es eben trotzdem so hin und scanne es am Abend ein, ohne noch groß was zu machen. Manchmal habe ich aber eben mehr Zeit oder nehme sie mir, und dann ist das genauer ausgearbeitet. Bei meinem Blog ist das wohl so – mir fällt jetzt grade niemand anderer ein, der das auch so macht, vielleicht mache nur ich das so – ich möchte es einfach auch immer anders machen, nicht unbedingt einen durchgehend erkennbaren Stil haben, ich will abweichen. Manchmal ist allein die Linienstärke anders, oder ich nehme ein anders Farbschema – ich experimentiere gern mit meinem Stil. Es gibt schon so eine Standardrichtung, die Figuren haben weiße Haut und Kreise als Augen (lacht), aber warum soll ich es auch nicht zwischendrin ganz anders machen? Ich habe nicht unbedingt immer wieder erkennbare Figuren oder Situationen, die sich fortsetzen. Daneben ist bsonders bei längeren Sachen auch die Anordnung der Panels und die Verteilung der Sprechblasen wichtig, das muß man sich genau überlegen.

lesbarkeit: Es wird bei Dir klar, dass nicht nur die Inhalte, sondern auch der variable Zeichenstil jeweils ein Ausdrucksträger sind… Es kommt etwas sehr individuelles dazu, Du willst deutlich nicht nur eine Geschichte malen, sondern es kommt auch so ein Zeichnen des Zeichnens dazu, wenn man das so sagen kann… Wie sind Deine konkreten Arbeitsschritte, zeichnest du auf Papier und scannst du ein?

jeff chi: Früher – eigentlich bis vor dem ComicSalon grade, habe ich immer alles am Computer gemacht, ich habe ein Zeichentablett ( guckt mal, hier: http://youtu.be/45l7xcQzW-Q ). Aber durch den ComicSalon habe ich nun auch wieder Lust bekommen, analog zu zeichnen, ich habe das nun wieder versucht, dass auf einem Skizzenblog zu machen, und das mache ich jetzt öfters – nicht grundsätzlich oder so, aber öfters. Es ergibt sich eine andere Linienführung als auf dem Tablett.

lesbarkeit: Wie kommt es zu solchen Blättern wie „Leute, die ich nicht kenne“?

jeff chi: Schon vor ein paar Jahren hab ich mir überlegt, dass ich ab und zu mal was längeres machen möchte, um vielleicht auch mal so in die Druckschiene rein zu kommen…  Ich bin gar nicht scharf auf Zeitungsstrips, die pointiert und gleich sein müssen, das ist nicht mein Format – ich mache gerne Sachen, die gar keine Pointe haben sondern einfach nur so ein Erlebnis darstellen, mir gefallen die etwas längeren Episoden wie „Leute die ich nicht kenne“, sie sind aber eher ungewöhnlich für mich, sind nicht für einen workshop oder für ein bestimmtes Thema in Magazinen oder so entstanden, wie die meisten anderen Sachen, die ich gemacht habe, sondern einfach so.

lesbarkeit: Bis zum 15. Juli können sie noch angesehen werden. Auf Jeff Chis Blog können wir verfolgen, was da noch kommt, und das wird bestimmt eine ganze Menge sein!

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Preisträger Max&Moritz #cse12 ampelmagazin.ch

Zugegeben, die Etage der studentischen Magazine war für mich in all den ComicSalon Jahren immer der bunte Durchgang zum Rathaussaal, wo man aus Sympathie und äh… mütterlichem Verantwortungsbewußtsein ein paar Heftchen oder selbstgebastelte Taschen kauft, weil die Förderung der Jugend… äh… na ja, alles schön bunt da… In diesem Jahr wurde, wenn ich mich recht erinnere, zum dritten mal ein Max&Moritz-Preis für die beste studentische Comicpublikation vergeben. Es handelte sich diesmal um das http://www.ampelmagazin.ch ,  das an der Uni Luzern beheimatet ist, die laudatio zum Max&Moritzpreis ist hier zu lesen:  http://www.comic-salon.de/index.asp?FsID=62&NomID=47&spr=1 . Da ich zur Zeit Schweizerische Comics betrachte, fand ich das nun schon interessant, um so mehr, als ich unter den Machern dieses auch interessante Geschichten enthaltenden Heftchens Anja Wicki erkannte, deren Comic „Hast Du das Meer gesehen“ in diesem Jahr als „Fumetto Schleuder“ http://www.fumetto.ch , der Nachwuchsförderung des Comicfestivals Fumetto in Luzern , herausgegeben wurde und eine Ausstellung hatte. Im Ausstellungsraum fand sich ein ausgestopfter Bär, was eine fanatische Vegetarierin wie mich sofort verstört – was vielleicht auch für alle Betrachter intendiert war… Naiv und klar gezeichnet finden sich einige verstörende Bildsequenzen in dem kleinen Bändchen, das Wickis erste Buchpublikation darstellt: Rollmöpse werden also gerollt – buntes Pinkeln – Angelt man wirklich Heringe? – ein Wal am Spies oder was? —  Blut und Tod am Ende erscheinen fast weniger bedrohlich als der dargestellte gemeinsame Ausflug der Fabrikarbeiter, bei dem vor allem getrunken wird. Sofia ist übel vom Schnaps und sie läuft in den Wald, stützt sich irgendwo auf — ein Bär! Er folgt ihr und tötet ihre Kollegen, dafür fühlt sie sich nun verantwortlich bzw. glaubt sie, dass man sie verantwortlich macht. Im Comic erzählt Sophia die Geschichte ihrem Freund Jens – es ist unklar, ob das Geschehen lange zurück liegt oder erst vor kurzem passierte, oder ob sie überhaupt – zu unwahrscheinlich erscheinen einige Details, zu  merkwürdig einige Verhältnisse in Sophias Umfeld – erfunden sind (der Bär in der Luzerner Ausstellung fügte dem noch eine unheimliche Dimension hinzu). Auch Sophias Frage „Hast Du das Meer gesehen“ und ihre Aussage „Ich gehe jetzt ins Wasser“ sind mehrdeutiger, als es am Anfang erscheint, und am Ende steht Jens allein Meer und Himmel gegenüber, die am Anfang nur weit weg am Horizont zu sehen waren… Ein unheimlicher, in seiner Einfachheit bestürzend wirkender Comic.

Auf der letzten Seite steht: „Anja Wicki, geb. 1987, lebt und arbeitet in Luzern. Neben ihrem Illustratorenstudium ist sie Vorstandsvorsitzende des Ampelmagazins, in welchem sie regelmäßig Arbeiten veröffentlicht. Zusätzlich ist sie eine der besten Tischtennisspielerinnen der Schweiz und braucht täglich nur zwei Stunden Schlaf.“ Bestimmt werden wir noch mehr von ihr hören! www.anjawicki.ch

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