Der Beste Comic des Jahres: Cyril Pedrosa „Portugal“ (bei #Reprodukt)

Der Tagesspiegel hat dazu aufgerufen, mit einer kurzen Begründung einen 2012 erschienenen Comic zum „Besten Comic des Jahres“ zu wählen http://t.co/cHX3NH9Z. Ich möchte für Cyril Pedrosas „Portugal“  http://www.reprodukt.com/product_info.php?products_id=433 stimmen, einen wunderbaren, großformatigen Graphic Novel Band der sowohl von der künstlerischen Gestaltung als auch vom erzählten Inhalt aus sehr herausragend ist. Ich möchte wagen, dieses Buch als nachhaltige Höhenkammliteratur zu bezeichnen!

Berichtet wird in wunderschönen, unglaublichen Bildern die Geschichte von Simon, einem französischen Comiczeichner, der in einer Schaffens- und Lebenskrise eher zufällig in das Land seiner Vorfahren, nach Portugal, reist und begreift, dass auch sein Leben geprägt ist von der Auswanderung seiner Familie nach Frankreich, dass der portugisische Ort, aus dem die Familie stammt, auch ein wenig sein zu Hause ist. In drei Kapiteln (Simon – Jean – Abel) werden drei Generationen und ihre Schicksale beschrieben. Gezeichnet und in schönsten Farben dargestellt werden dabei auch Gemütsbewegungen und innere Konflikte, Glück und Leiden, Träume und Realität in wechselnden Perspektiven, die von hoher Malkunst des Autors Pedrosa zeugen, der die autobiographische Grundlage des Bandes in einem Interview auf dem Erlanger Comicsalon 2012 (Photo) am Liebsten noch leugnen wollte, es aber nicht konnte, und in Youtube auf einem wunderschönen Video http://www.youtube.com/watch?v=KzavAGsjHr8 zeigt, wie viel mehr autobiographisch das Buch ist, als wir Leser je ahnen könnten.

In „Portugal“ erfahren wir nicht nur viel über die Familie Mucha, sondern über Menschen überhaupt, ihr Denken und Fühlen, die Flüchtigkeit der Augenblicke und große, generationsübergreifende Kontinuitäten des Lebens. Wir können die malerische Dimension als eine Erweiterung unserer Wahrnehmung von Geschichten und Charakteren als das wichtigste in Comics enthaltene „Plus“ gegenüber gewöhnlicher Schriftliteratur in reinster und höchster Form geniessen. Für mich ist „Portugal“ der Beste Comic des Jahres, einer der Besten, die ich überhaupt je gesehen habe.

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Plötzlicher #ebookfall – zwei Nichtempfehlungen

Zu Besuch in der Provence bei Barbara Fringuella hatte ich mir zum ersten Mal einen Ereader genauer angesehen. bisher war ich immer absoluter Gegner dieser neumodischen Art, statt in einem Papierbuch auf einem Bildschirmchen zu lesen. Um es vorweg zu nehmen: Ich kehre zu dieser Meinung wohl gerade wieder zurück und kann mir nicht vorstellen, noch ein ebook zu kaufen.

Zunächst aber fand ich an Barbaras Kindle einige Vorteile: die Leichtigkeit des Readers im Vergleich zu meinem Rucksack voller Ferienlektüre. Die Möglichkeit, das Schriftbild zu vergrößern. Erstaunt war ich über die Flimmerfreiheit. Nun ja. Zum Kauf eines Kindle hatte ich dennoch keine Lust, weil ich mich nicht an einen bestimmten Ebookanbieter binden will – wie komme ich dazu?

Als in twitter auf das Angebot eines preislich vergünstigten, unabhängigen Ereaders hingewiesen wurde, habe ich diesen bestellt. (Wunderbares twitter!).

Die Lieferung war schnell. Angeekelt entdeckte ich ein „Made in China“-Wapperl auf der Rückseite – ich hatte immer geglaubt, diese Firma sein japanisch… Hierhin wandern also die dem tibetischen Volk abgepressten „seltenen Erden“, na danke! Nun auch noch beim Lesen Strom verbrauchen ist auch absurd.

Als sehr schwierig erwies sich die Installation der mitgekauften Bücher auf dem Gerät. Hier muß sich der Hersteller noch was einfallen lassen – erst nach zwei Tagen des Herumprobierens wurde mir vom Service mitgeteilt, dass das Gerät nicht adobe – kompatibel ist und man sandte mir per mail mehrere Anleitungshifen. Mit der 3. kam ich zurecht. Inzwischen hatte ich bereits ca. 8 Stunden mit dem Gerät zugebracht, bis ich endlich beginnen konnte zu lesen – den 437 S. Roman hätte ich auf Papier in 8 Std. Lesezeit längst durch gehabt. Aber okay, aller Anfang ist schwer und das nächste mal ginge es schneller.

Nun also startete ich mit der Lektüre von Joanne K. Rowlings neuem Buch „Ein plötzlicher Todesfall“. Anfänglich fand ich die Geschichte witzig, ein wenig gemein witzig sogar, was mir gefiel. Viele Menschen kommen vor, und nun hätte ich eigentlich das Bedürfnis gehabt, ein wenig hin- und her zu blättern – wie hieß nochmal der Mann von Samantha und wessen Vater war der gewalttätige Simon? Aber ach, blättern ist nicht. Man kann zwar hin und her klicken, aber es ist schrecklich aufwändig und entnervt. Was ich außerdem unmöglich finde, ist dieses Einschalten – Hochfahren zum Weiterlesen – Runterfahren und Abschalten – ein Vorgang, der mir jegliche Lust nimmt, zwischenrein mal schnell ein paar Seiten weiter zu lesen. Der kleine Bildschirm ist mir unangenehm. „Daran wirst du Dich gewöhnen“ sagen mir die ebookfans rundum – aber mal ehrlich – warum sollte ich?

Argumente für das ebook sind für mich: mein hoffnungslos an allen Wänden von Büchern verstelltes Haus, kein Platz für Bilder, kein Platz für Viparita Karani und andere Yogaübungen an die Wand. Ein größeres Haus kriegen wir in diesem Leben nicht mehr. Da wir uns aber nur schwer von Büchern trennen, sollten wir mit der Anschaffung weiterer aufhören – weil wir immer weiterlesen werden, wären ebooks eine Alternative.

Dank der neuen öffentlichen Bücherschränke werden wir wenigstens einige Dubletten dennoch los werden, manches verkaufe ich auch im Internet — Auch Joanne K. Rowlings Buch würde ich im Internet verkaufen, wenn es ein Buch wäre, denn es ist zu schlecht, um hier aufbewahrt zu bleiben. Das anfänglich witzige Demaskieren der Menschen hinter ihrer Fassade nervt schnell, streckenweise ist es nur noch ekelhaft. Ein wenig Übertreibung mag einer Gesellschaftssatire natürlicher Weise eigen sein, jedoch ist es unwahrscheinlich, dass es in dieser Gemeinde so gar keine normale Familie ohne verborgene Entsetzlichkeit geben soll. Lustig wird es nochmals bei Howards im Alkohol versinkender Geburtstagsfeier – ein volkstümlicher Schwank im 21. Jhdt. Aber der angeklebte showdown am Ende, bei dem mancher wundersamerweise geläutert oder aktiv wird, ist mir zu sehr melodramatisch übertrieben – und weniger glaubwürdig als das Auftauchen von Dementoren in Little Whinging. Irgendwie wartete ich bei diesem Buch immer darauf, das endlich irgendetwas passiert – aber „es“ passierte zu spät und war irgendwie zu dünn. Kommentierende Sätze wie „Das Nahtoderlebnis hatte sie offenbar von dem Bedürfnis befreit“ sind ein Schrecknis für sich und wie ein Schlag in die Magengrube…  Bemerkenswert dennoch, dass die Autorin, die keine Arbeit mehr nötig hätte, sich dieser Kritik aussetzt und weiter schreibt!

Ebooks aber verkauft man nicht im Internet. Man kann sie nichteinmal in der eigenen Familie weitergeben, wenn man nicht gleich mehrere Lesegeräte kaufen will – was die ebook – Vermarkter natürlich anstreben. Normalerweise bin ich es bei uns, die neue Bücher kauft, wenn ich damit durch bin, liest sie mein Mann und dann leihen wir sie manchmal auch noch Freunden aus. Das ebook kann ich nur mitsamt dem Reader weitergeben, was bedeutet, dass ich, bis mein langsam lesender Ehemann, der zu 400 Seiten 4 Wochen braucht, fertig ist, kein neues Buch mehr auf dem Reader lesen kann, da unsere Lesezeit zumeist gleichzeitig, am Abend und in der Mittagspause ist. Ebookreader sind also im Grunde nur was für Singles, oder für Familien, die sich „bis zu 6 Lesegeräte,“ auf die man das gekaufte Buch gnädigerweise laden darf, leisten wollen und können.

Desweiteren finde ich den Preisunterschied vom ebook zum gebundenen Papierbuch zu gering, ebooks müßten m. E. viel billiger sein, ich kann in der reinen Datenübertragung keinen vergleichbaren Wert erkennen. (Beispiel Rowling: 24,95 € gebundene Ausgabe, ebook 19,95 €).

Hoffnung am Horizont sehe ich für die Zukunft meines nun mal angeschafften Ebookreaders zweifach: Zum einen gibt es da die FrankenOnleihe, eine anscheinend segensreiche Einrichtung, die es ermöglicht, über Internet direkt auf den Reader Bücher auszuleihen. Dies kann ich mir theoretisch vorstellen, denn bislang habe ich die Stadtbibiothek deshalb nicht frequentiert, weil mir vor x-mal verliehenen Büchern gruselt. Während es Leute gibt, die sagen: „Ein Buch muß man riechen können“ ist gerade dies mein absoluter Horror – ich rieche es, wenn ein Buch in der Wohnung eines Rauchers lag, ich bekomme Allergiesymptome, wenn ein Buch in einem Haus mit Katzen war – nein, hygienisch ist das nicht. Also vielleicht Onleihe in Zukunft, die Idee ist zumindest toll. Oder ich schenke das Teil meiner Tochter; bei den Kids sind Ereader Statussymbole, warum auch immer.

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Schweizer Comic -finally: rittiner+gomez „Polenta“

Immer wenn man auf die website von rittiner+gomez guckt, die ja auch eifrig twittern, gibt es irgendwas Neues. Für meine kleine Schweizer Comic Serie, die ich nun endlich abschließen möchte, habe ich eine ältere Publikation ausgesucht: „Polenta“ http://www.rittiner-gomez.ch/comic-polenta/ . Ich will gleich bekennen, dass ich das Heft wunderschön finde, obgleich ich noch nie in Simplon – Dorf im Wallis war und große Töpfe mit Fleischbrühe und Polenta mir eher schrecklich erscheinen, finde ich die eigenartige Stimmung des mit wenigen Sätzen auskommenden Buches sehr berührend; daneben gibt es auch noch eine autoreflexive Ebene, die die Herstellung einer solchen Stimmung aus Wort, Bild und den Komponenten „Köche, Wölfe, Dohlen, Gugenmusik und Gäste“ erklärt, die das Herz jedes Literaturwissenschaftlers höher schlagen lassen. Autobiographie und Fiktion sind hier schon in der Person des Künstlers kunstvoll verwoben: Das fiktionale Zeichnerduo rittiner&gomez lebt in Spiez am Thuner See und ist im Grunde nur eine Person: Anton Rittiner, der, um malen zu können, sich aber ein alter ego, eben Gomez, erfunden und zugleich wieder durch ein „&“ zum „Wir“ verbunden hat. Somit ist Simplon -Dorf nun der Heimatort beider. Sie bewohnen die Schweiz, doch zugleich die imaginäre „Isla Volante“, einen Ort des Friedens und der Kunst, situiert im Internet und ausgestattet mit einem eigenen Literaturpreis, zahlreichen Mitmachmöglichkeiten für Leser usw. – bitte dort selbst gucken http://www.rittiner-gomez.ch/rittiner-gomez/ .

In „Polenta“ nun also genügen wenige Worte und die offenbar die für r+g typischen, verschachtelten und einander ebenso ergänzende wie aufhebende Bilder, um eine fast fühlbar reale Wiedergabe eines dörflichen Festes und die Gefühle des malenden und textenden Ichs zu vermitteln, obwohl dieses sich selbst nicht benennt und auch nicht bildlich hervorhebt. Eine fast mystische Stimmung wird bewußt hergestellt, wie im „Vorspann“ des „Projektes“ angekündigt: „ein bergdorf in einer wilden landschaft, ein kulturelles ereignis, die leichtigkeit des fliegens und die geheimnisvollen wölfe, also alles, was man sich nur wünschen kann“ – der Stoff, aus dem große Erzählungen sind. Das man die Authentizität des Erlebenden für ebenso real halten kann wie den zur Schau gestellten Kunstgriff, diese Fähigkeit zu Erleben und Darstellen in einer (oder doch zwei?) Zeichner- und Texterpersonen vereint, ist eine große Freude, an der ich dank twitter immer wieder teilnehmen kann – siehe @rittinergomez .

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Schweizer Comics – Kati Rickenbach

Wegen meines Urlaubs mußte ich meine kleine Serie zu den Schweizer Comics mit autobiographischen Hintergründen unterbrechen. Der Essay ist längst abgegeben – leider läßt die Publikation weiter auf sich warten. Hier also die vorletzte Folge!

Sehr bekannt ist inzwischen der dicke Band „Jetzt kommt später“ von Kati Rickenbach, Edition Moderne Zürich 2011 http://www.editionmoderne.ch/autoren.php?vi=68&va=29. Die 1980 in Basel geborene Comickünstlerin ist Mitherausgeberin des Schweizer Comicmagazins „Strapazin“ http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=strapazin%20magazin&source=web&cd=1&cad=rja&ved=0CCMQFjAA&url=http%3A%2F%2Fwww.strapazin.de%2F&ei=mD5PUP-xL8XdtAahlYCQBA&usg=AFQjCNED-irtO8pNYFHP9cWQJl7BSJzEag  und lebt seit 2005 in Zürich. In dem zu besprechenden Buch beschreibt und erzeichnet Rickenbach ihre beiden Aufenthalte in Hamburg, 2004 und 2009, die Veränderungen in den Beziehungen, Zielen und Lebensweisen der Autorin und ihrer Freunde. Ab und an wird die Kati des Buches als „die Schweizerin“ oder sogar als die „schöne Schweizerin“ bezeichnet, außer diesen Ettiketierungen von Außen kommt die Schweiz nicht vor.

Interessant fand ich diesen Band besonders in Bezug auf die Theorie der Autobiographie. Autobiographie findet statt an der Schnittstelle zwischen Realität des Lebens einer Person und dem Bild, das sie sich von sich selbst macht. Das erzählende und das erzählte Ich fallen ineins. Das Postulat der Aufrichtigkeit und der Authentizität, das im Allgemeinen an Autobiographik herangetragen wird, gerät so häufig in Konflikt mit dem Bedürfnis der Erzählenden, sich auf eine bestimmt Weise zu präsentieren. Im Falle der Autobiographischen Comics kommen weitere, zeichnerische Möglichkeiten des Variierens, Vertuschens, aber auch des Offenbarens und Exponierens hinzu.

„Das muß alles echt sein!“ fordert die gezeichnete Kati gleich auf Seite 17 des Buches und reflektiert in einer witzigen Bildfolge die Optionen der Veränderung und des gezeichneten Lügens und lehnt sie zugleich ab, überzeugt auch ihren Lebensgefährten davon, dass „sowas“ nicht geht. In lebensvollen schwarz-weiß Zeichnungen werden uns also mehr Wahrheit als Dichtung vorgestellt, im Anhang des Bandes kann man erwähnte Arbeiten und Photos der Autorin sehen, Belege der Authentizität des sehr guten Comics. Ich bin gespannt, was als nächstes von Rickenbach kommen wird! Ihre witzige website: www.katirickenbach.ch

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Heini Andermatt – Maler und Comiczeichner aus Zürich

Richtig schwierig erscheint mir, über Heini Andermatts http://www.heiniandermatt.ch/452.html „Tagebuchcomics“ zu schreiben, obwohl oder weil sie mir gut gefallen. Ich habe Andermatt im Internet gefunden auf der Suche nach autobiographischen Schweizer Comics… Ich lese, dass er seine Arbeiten im „Züritipp“ und bei „Strapazin“ veröffentlicht hat (und im Selbstverlag), leider kenne ich diese Zeitungs- und Magazinpublikationen nicht. Ich mag gar nicht daran denken, dass nun jemand erwarten könnte, dass ich „Comic“ definiere oder irgendwelche Normen setze!

Es sind ganz eigene Bildgeschichten http://www.heiniandermatt.ch/494.html, sehr kunstvoll gezeichnet, nicht immer sind die Personen erkennbar oder wiedererkennbar. Andermatt arbeitet (mit Ausnahmen http://www.heiniandermatt.ch/494.html die Schweizer „Muräne“) nicht mit Sprechblasen und fortlaufender Handlung, die Ereignisse verschiedener Tage bündeln sich unter dem entsprechenden Datum. Eigentlich kommen mir manche Bilder wie gemalte Haikus vor, es sind eigenartige Aussagen, festgehaltene Augenblicke ohne epischen Anspruch. Zeitblüten.

Das Schweizerische? Andermatt kommt aus Luzern, er lebt in Zürich. In seinen Texten, die seine Comics (er nennt sie so, also tue ich das auch) begleiten, kommen Worte vor wie „Zmorgen“ – „schöns Tägli no“…. Eindeutig Schweizerisch, eindeutig Comics!

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Schweizer Kühe – Exkurs zu Schweizer Comics

Gemeinhin stellt man sich die Schweizer Kuh wie Simmentaler Fleckvieh vor. Als ich im Frühling in Luzern und Zürich war, sah und photographierte ich nur schottische Hochlandrinder. Die kulturelle Enthropie macht also vor der Schweiz nicht halt, zum Glück! Hier eine Buchbesprechung von mir zum Thema Schweizer Kuh!

 

Markus Schürpf: http://www.limmatverlag.ch/foto/zeller/zeller.viehfotograf.htm             Arthur Zeller (1881 – 1931), Vieh- und Wanderfotograf im Simmental. Fotografien 1900 – 1930, Limmat Verlag Zürich 2008, 128 Seiten, 97 Duplexfotografien, gebunden. ISBN 978-3-85791-554-3, CHF 48,00 /  29,50 €.

Die unmittelbare Wucht der glasklaren Schwarz/Weiß – Fotografien vom Anfang des 20. Jahrhunderts in diesem Band überwältigt den Betrachter. Menschen und Tiere, einzeln oder in Gruppen aufgenommen, erscheinen gleichermaßen dem Leben und den vorgegebenen Rollen der bäuerlichen Alpenwelt ausgesetzt. Sie sind aufgenommen vor natürlichem Hintergrund oder, besonders faszinierend, hinarrangiert vor einem gemalten Landschaftsbild, wie man es aus der frühen Atelierfotografie kennt, doch so aufgenommen, dass um dieses noch eine Art Rahmen aus der realen ländlichen Umgebung zu sehen ist: bäuerliche Gebäude oder Alpenlandschaft. Jeder Mensch hält einen Gegenstand in der Hand, ähnlich dem Attribut einer Heiligenfigur. Hochzeitsgesellschaften mit immer entsetzt und erstarrt blickenden Paaren und nur selten verhalten lächelnden Gästen irritieren den Betrachter fast mehr als das Grauen eines toten Kindes, im Sarg fotografiert. Das Vieh ist so aufgestellt, dass die zuchtrelevanten Merkmale gut erkannt und verglichen werden können. Fotografien einzelner Tiere lassen deren Wert und den Stolz der Eigentümer ahnen. Aber auch freundlichere Bilder sind zu sehen: Bauern, junge Frauen mit ihren Kindern, Käsereiarbeiter, Viehschauen und erste Eisenbahn- und Automobilereignisse sind so abgebildet, dass sie mit Bedeutsamkeit beladen scheinen, und dennoch die Leichtigkeit der leicht humorigen Selbstdarstellung in vertrauter Umgebung erkennen lassen.

Als kunsthistorische Assoziationen drängen sich auf: Paulus Potter, der Niederländer des 17. Jahrhunderts, der als erster Maler Rinder nicht mehr als Staffage, sondern als Hauptmotiv seiner Ölgemälde darstellte, und Landschaft und Raum von den Tieren ausgehend entwickelte. Die Welt von der Kuh aus gesehen! Die Qualität der Bilder Arthur Zellers lässt aber auch einen Vergleich mit dem großen August Sander zu, dem Fotografen bäuerlicher Realität in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, der mit großer Kunst das Ungekünstelte festhielt, außerhalb der Ateliers.

Es handelt sich bei dem hier zu besprechenden Fotoband um eine Auswahl aus dem etwa 5000 Glasplatten umfassenden Nachlass des Vieh- Dorf- und Wanderfotografen Arthur Zeller (1881 – 1931) aus Boltigen im Simmental / Berner Oberland. Der Geige spielende Sohn eines wohlhabenden Landwirts war fasziniert von der frühen Fotografie und hatte sich autodidaktisch zum Fotografen ausgebildet. Als Züchter und Kenner des Simmentaler Fleckviehs und des neuen Mediums Fotografie – eine einmalige Kombination – wusste Zeller die wichtigsten Merkmale dieser damals reüssierenden Rinderrasse unter ästhetischen und ökonomischen Aspekten gleichermaßen ins rechte Licht zu rücken; auch seinen Aufnahmen ist es zu danken, dass diese Nutztiere international bekannt wurden und es zu Massenexporten nach Ungarn, Russland, Südwestafrika und Südamerika kam. Nach und nach erweiterte Zeller seine fotografische Tätigkeit auf Personen und Ereignisse der Simmentaler Heimat, wurde als vertrauenswürdiger Einheimischer und preiswerter Fotograf zu Aufnahmen gebeten. In späteren Jahren machten seine Einnahmen als Fotograf einen erheblichen Anteil seines nicht geringen Einkommens aus. Mit ganz eigenem ästhetischen Zugang zur Lebenswelt  der Viehzuchtregion des Simmentals wurden Zellers Arbeiten zur historischen Quelle der agrarischen Schweiz. Die Spielregeln der Atelierfotografie und Viehmalerei hat er dabei – bewusst oder unbewusst? – in seinen Bildern mitreflektiert.

Der vom Fotohistoriker Markus Schürpf im Limmat Verlag herausgegebene Band begleitete eine Ausstellung zum Werk Zellers im Museum der Alten Landschaft Niedersimmental im Agensteinhaus Erlenbach. Er ist – mit dem Schwerpunkt auf dem Leben Zellers, der Viehzucht und dem Leben im Simmental  und der heimatgeschichtlichen Bedeutung seiner Tätigkeit -sehr gut betextet und liebevoll ausgestattet. Die Möglichkeit einer anderen, primär kunsthistorischen Rezeption macht einen zusätzlichen Wert des erstaunlichen Bandes aus und eröffnet vielleicht neue Ansätze zur ästhetischen Würdigung des Werkes von Arthur Zeller.

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Schweizer Comic-Autobiographien? Frederik Peeters „Blaue Pillen“

Nicht jeder Schweizer Comic macht es einem so leicht wie Coseys „PP“. Was also macht einen Schweizerischen Comic aus? Sollte die Herkunft des Autors damit zu tun haben, wenn nicht direkt die Schweiz vorkommt? Eine Schnittstelle von Herkunft und Handel, auch beruflichem und also zeichnerischem, sollte die Autobiographie sein – aber findet man in jeder Autobiographie Hinweise auf das Land, aus dem jemand kommt? Offenbar nicht notwendig.

Allenthalben wird Frederik Peeters „Blaue Pillen“ http://www.reprodukt.com/product_info.php?products_id=222 als Beispiel angeführt, wenn es um Comic-Autobiographien geht; in mehreren Veranstaltungen beim Comicsalon hörte ich diesen Band und seine offene, persönliche Art loben. Die Schweiz kommt in diesem 190 Seiten dicken Comic des am 14. Juli 1974 in Genf geborenen Autors weder direkt noch indirekt vor – Peeters hat(te) andere Sorgen und zum Glück auch Freuden: Er beschreibt seine glückliche Beziehung zu einer HIV infizierten Frau und deren Kind und die speziellen Probleme, die die Infektion mit sich bringt. Keiner konnte mir bislang erzählen, wie es mit der kleinen Familie weiterging, gesundheitlich vor allem. Ich wünsche alles Gute! Sehr gut gefiel mir, wie die sehr einfach gezeichneten Bilder dennoch sehr viel Gefühl rüberbringen; die Gesichter strahlen Sorge, aber viel öfter noch eine sehr ruhige Stimmung von Glück aus, bei der enormen Bedrohung durch Krankheit ein kleines, wenn nicht ein großes Wunder, das sich in diesem Buch mitteilt. Ein „konzentriertes Leben“ wie der Fred des Buches einmal sagt. Sehr intim und offen werden Sorgen und Denkweisen untersucht und auf eine dem Alltag adäquate Wertigkeit heruntergeholt: keine Panik, keine Gleichgültigkeit, nur das Leben jeden Tag, aus dem eine innere Ruhe und Zufriedenheit  hervorgeht, die man an den Zeichnungen nachvollziehen kann und die nüchtern und zugleich zauberhaft erscheint. Ein Mutmachbuch, eine wunderbare Liebesgeschichte, schön!  Werde ich bei den „Schweizern“ mitbesprechen, obwohl es universellen Inhalts ist.

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Schweizer Comics – Cosey: Auf der Suche nach Peter Pan

Was für ein Glück, das ist nun mit Recht Schweizerisch zu nennen: Bei Cross Cult erschien 2009 der sehr, sehr gut gemachte Band „Auf der Suche nach Peter Pan“ des Schweizerischen Zeichners und Szenaristen Cosey, eigentlich Bernhard Cosandey http://www.cross-cult.de/graphic-novel-titeldetails/items/comic-auf-d-suche-nach-peter-pan.html. Es handelt sich um einen Sammelband der in Fortsetzungen und französischer Sprache ab 1983  in Tintin erschienenen Geschichte, die sehr spannend ist und stimmungsvoll gezeichnet, und die 1988 den Max&Moritz Preis erhielt. Der Autor ist vor allem durch seine „Jonathan“ Serie bekannt, die Teilweise in Tibet situiert ist und die Unterdrückung und den Freiheitskampf der Tibeter am Rande der Abenteuer des Titelhelden mitthematisiert (Ich hoffe immer, dass irgendein Verlag sich erbarmt und alle Bände gesammelt neu herausgibt, möglichst noch zu Lebzeiten des 1950 geborenen Autors und seiner gleichaltrigen oder nur wenig jüngeren Leser wie mich, damit man noch was davon hat…).

Der unter Redaktioneller Mitarbeit von Volker Hamann entstandene Band „…Peter Pan“ enthält Informationen über den Zeichner-Werdegang des Autors und ein Stückchen Comicgeschichte; außerdem ein Making of des Bandes mit Hinweisen auf die Editionsgeschichte inclusive der Zensur harmlos erotischer Stellen sowie ein Interview mit dem Autor. Dieser Anhang ist ein wunderbares Sahnehäubchen auf dem ohnehin herrlichen Band!

Tatsächlich lebt Cosey, wenn ich es recht verstehe, bis heute selbst in den Schweizer Bergen, was auch dieses YouTube Video, leider nur in französicher Sprache, mitteilt: http://youtu.be/VFD9Io3FFAY Ein Schweizer also, in den Schweizer Bergen lebend, der eine Geschichte in der Schweiz spielen läßt. Überdies ist ein einleitendes Kapitel über das Wallis vorangestellt, illustriert mit Photos und Coseys gezeichneten und colorierten Studien zur Landbevölkerung und ihrer Tracht. Der Autor dieser Einführung, der mir nicht näher bekannte André Guex, beschreibt gesellschaftliche Veränderungen im Wallis, von der bäuerlichen Selbstversorgung zur Energie- und Tourismuslandschaft. Neben der Naturzerstörung wird auch eine kulturelle Verarmung angesprochen, an die man sonst nicht denkt:  „Gemeinschaftliches Leben. Und gemeinschaftliche Sprache. Bei der Arbeit wurde geredet. Eine Kultur des Wortes, heute durch Motoren zum Schweigen gebracht. Motorfräsen und Traktorenisolieren die Bauern so wie Autos die Stadtbewohner. Lärm und Blech trennen die Menschen, die der technische Fortschritt einander näher zu bringen vorgab. Radio und Fernsehen erledigen den Rest.“ – Seite 6.  Es wird jedoch nichts beschönigt, die hohe Kindersterblichkeit der Jahre 1915 – 1925 wird ebensowenig verleugnet wie das starke Arm/Reich Gefälle: „Man lebte also unter dem Zeichen der Solidarität, jedoch nicht unter dem der Gleichheit und Brüderlichkeit.“ – ebd.

In die Geschichte, welche S. 11 nun endlich beginnt,  findet die Landschaft des Wallis als stimmungs- und handlungsrahmengebende Folie eingang; darüber hinaus wird die Geschichte der ärmeren Bevölkerung durch die erzählte historische Gestalt des Farinet, eine Art Robin Hood, präsentiert.

Der plott der Geschichte ist einfach, aber sehr gut strukturiert aufgebaut. Nach einem medias in res Eingang, welche zwei der drei Hauptfiguren, den englischen Schriftsteller Melvin Woodworth und den sympathischen Gauner Baptistin erstmals verschwörerisch zusammenbringt, wird allmählich Melvins und seiner Familie Vorgeschichte nachgeholt – auf den Spuren seines verstorbenen Bruders kommt er in das Walliser Dorf, entdeckt eine Wahrheit, die anders ist als seine Vermutungen, mit welcher er aber schnell zurechtkommt, ebenso wie mit der Tatsache der ständigen Bedrohung durch einen knarrenden, rutschenden Gletscher, der zu Evakuierung des Dorfes führt: „Ein Gletscher, präzise wie ein Uhrwerk Typ Schweizerisch vielleicht.“ Die spannende Geschichte, die bald auch eine Liebesgeschichte zwischen Melvin und der Tochter Baptistins wird, soll hier nicht nacherzählt werden. Ein Schweinchen kommt vor, tölpelhafte Gendarmen, ein Klavier und – der ungeschriebene Roman des Helden, welcher den Titel „Auf der Suche nach Peter Pan“  bekommen wird und durch Moti über den einzelnen Kapiteln und durch den Bezug auf Melvins verschollenen Bruder eine zarte Beziehung zu Barries „Peter Pan“ aufscheinen läßt. Der Epilog des ganzen ist sehr süßlich geraten, was auch im Autorengespräch am Ende thematisiert wird. Im Grunde hat jedoch der ganze Band einen märchenhaften Grundzug, der die Qualität des Gesamtkunstwerkes angenehm kennzeichnet und durch das bunte happy ending nur noch betont wird.

Ich habe diesen Sammelband sehr gern mehrmals gelesen und kann ihn sehr weiterempfehlen, für Erwachsene und auch ältere Kinder, vielleicht ab 10 oder 12.  Was die Tauglichkeit für meine Arbeit an dem „Schweizer“ Essay anbelangt, so kann am Schweizertum hier kein Zweifel sein, eine Art Heimatroman ohne Mief, und durch den Englisch-Kroatischen Hauptdarsteller mit angenehmem Bezug auf den Rest der Welt.

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Schweizer Comics – eine kleine Arbeits-, Lesens-, Freuens- und Leidensgeschichte

Schweizer Kühe sind heute Schotten - kulturelle Entropie muß es auch im Comic geben!Schon vor längerer Zeit wurde beschlossen, eine Ausgabe einer bestimmten Schweizerischen Kulturzeitung mit dem Thema Graphic Novel zu füllen. Die erste von mehreren Enttäuschungen in dem Zusammenhang – die fortdauerndste solche ist die, dass das Heft immer weiter aufgeschoben wird – war die Bedingung, es dürfe nur über Schweizerische Comics geschrieben werden. Schweizerische Comics??? Für Deutsche ist so ein Nicht-Cosmopolitischer Ansatz heutigentags zum Glück unverständlich, ja anrüchig. Aber es ist wie es ist.

Von Außen gesehen ist die Schweiz insbesondere deshalb ein merkwürdiges Land, weil seine Bürger allenthalben darauf bestehen, dass es merkwürdig und besonders ist. Der Auftrag, ausschließlich über Schweizer Comics zu schreiben, wurde von mir zunächst unter dieser Schrulligkeit subsumiert und in meinem Hirn unter „immerhin“ abgespeichert. Immerhin hat angeblich ein Schweizer, Rodolphe Töpfer http://www.google.de/url?sa=t&rct=j&q=rodolphe%20t%C3%B6pfer&source=web&cd=2&ved=0CGMQFjAB&url=http%3A%2F%2Fde.wikipedia.org%2Fwiki%2FRodolphe_T%25C3%25B6pffer&ei=oIMfULyZIYPZtAaI7YDgAQ&usg=AFQjCNH9s-iLbtRoJ1O75VgRGADriaipfA, den Comic erfunden, na ja, das kann man auch anders sehen. Nun gut, ein Schweizer hat den Comic erfunden. Außerdem ist es bekannt, dass es in der Schweiz Berge gibt. Ist die herausragende Eigenschaft des Schweizerischen Comics also in der Staatsangehörigkeit des Zeichners begründet oder im Vorkommen der Bergwelt auf den Bildern? Weiß-Roter Kreuze? Alphörner? Fränkli und Nummernkonten? Müssen Schweizerische Nationalität des Texters und Zeichners zusammenkommen und ergibt das dann einen gezeichneten Heimatroman, der Abscheu hervorrufen muß, weil er einer ist? Gibt es sonst irgendwelche genuin Schweizerische Inhalte und, herrje, welche?

Mit Grausen entdeckte ich einen Wilhelm Tell Comic, den ich lieber nicht lesen möchte, erschreckende Gesichter, hard core. Das kann es nicht sein. Dann aber: Das Ideal einer graphic novel, spannend, schön gezeichnet, situiert im Wallis und sogar mir Landeskunde zur Einführung, Schweizerischer Zeichner – ein Anfang ist gemacht.

In den nächsten Tagen beschreibe ich hier ganz oberflächlich plaudernd meine Erfahrungen mit

Cosey – „Auf der Suche nach Peter Pan“; Rittinier + Gomez „Polenta“; Frederic Peeters „Blaue Pillen“; Kati Rickenbach „Jetzt kommt später“ und den kunstvollen Tagebuchcomics von Heini Andermatt. Freue mich über Anmerkungen, sie müssen nicht unbedingt  Schweizerisch sein…

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Felix Pestemer „Der Staub der Ahnen“

Eine der schönsten Entdeckungen auf dem vergangenen ComicSalon ist die graphic novel „Der Staub der Ahnen“ von Felix Pestemer.

Allerlei Informatives könnt Ihr hier, beim avant -Verlag, erfahren: http://www.avant-verlag.de/comic/der_staub_der_ahnen ,und auf der website von Pestemer bzw. dessen Firma Puttbill  findet man Einblick in „Polvo – der Tag der Toten“, einem Vorläuferprojekt http://www.puttbill.com/de/buecher/polvo.html , welches das Ergebnis eines einjährigen Vorschungsaufenthaltes in Mexico war.

Unter den tausenden von kunstvoll gezeichneten und kollorierten Details, die man auf den Bildern entdecken kann, erstaunten mich vor allem folgende vier Inhalte des Buches:

1) die Welt der Toten, die bunt auf schwarzem Grund gezeichnet ist, wirkt anheimelnd und sympathisch, während das Familienleben der Rojas eher das Gefühl von Horror und Grausen auslöst – allzugut kann ich den Erzähler, den gutmütigen und naiven Eusebio verstehen, der gleich wieder abreisen muß und diesen unsympathischen, mit harten gesichtern starrenden Menschen seine Gefühle nur per Brief mitteilen kann. Der Tod nämlich ist kein Gerippe, er ist ein kleines Mädchen, das seine Schwester ermordet, als Erwachsene dann ihren Sohn in eine Zwangsehe mit einer Frau treibt, dabei mehrere Menschen, einschließlich Eusebio, unglücklich macht und ein frühes Ende finden läßt, später dann ihrem eigenen Ehemann so zusetzt, dass er einem Herzinfarkt erliegt. Der Tod ist eine Frau, deren bissiges Gesicht wesentlich abstoßender aussieht als der Schädel, den man unter ihrer Haut ahnen kann und dessen Anblick im Jenseits eher versöhnlich stimmt.

2) Ein genialer Coup Pestemers ist m. E. die Diskrepanz der freundlichen, unschuldigen Erzählweise Eusebios gegenüber der in den monochromen Bildern gezeichneten Realität. Die Familienmythen und der Versuch, das Leben zu ertragen, indem man es sich zurechterzählt, werden für den Leser auf manchmal lustige Weise (z. B. in der Erzählung des Familienhelden El Negro), manchmal auch erschreckend (in der Geschichte von Angeles…) sichtbar. Der Wissensvorsprung des Lesers bzw. Bilderbetrachters ist enorm und macht einen Großteil des Lesevergnügens aus. Für historisch und kunstgeschichtlich Interessierte hat Pestemer zudem noch Bilder und Szenen versteckt, deren Wiedererkennenswert enorm ist.

3) Noch länger beschäftigen werden mich die im Buch vorkommenden Masken. Sie sind wunderbar gezeichnet, nicht nur innerhalb der Totenerzählung oder am Rande des Festes; Seite 39 sind sie zart weiß auf schwarz dargestellt, wie Quallen in der Zeit, Seite 50 wirbeln sie bunt durcheinander wie Möglichkeiten, die auch im Jenseits noch bereit stehen, Veränderungen, Maskeraden und Utopien zu ermöglichen. Ein Pferdekopf erinnert an Goya, alles wimmelt ein wenig wie bei Bosch, Masken verschiedener Ethnien von den Atzteken bis zum Schweizer Bergvolk treten uns entgegen. Wer ist verkleideter, die Totenschädel, die Maskenträger, die Menschen in der Alltagswelt? Gibt es eine Existenzform ohne (sprachliche) Masken? Offenbar auch bei den Toten nicht, die aber wenigstens im bewußten Spiel damit umgehen.

4) Unter den (auch anatomisch) durchgearbeiteten Bildern Pestemers sind die Grau auf Schwarz gezeichneten Frontispizbilder nicht zu vergessen; die Gesamtaufmachung des Buches ist zu loben. Kunstvoll und beeindruckend gut gezeichnet zerfallen schließlich auch die Toten zu Staub. Eine graphic novel, die man so schnell nicht vergißt!

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